10. Temelin Konferenz 2019

AKW TEMELÍN - SCHWEISSNAHT 1-4-5 VOR DER UN

Temelín-Gegner wollen Akteneinsicht – Dampfwolke am Samstag über dem Reaktor

Foto: Temelin (31) Copyright Albert Artmann

Temelín, Marktredwitz, 08.10.2019.  Das Kernkraftwerk Temelín begrüßte die internationalen Teilnehmer der 10. Temelin Konferenz am vergangenen Samstag, dem 05. Oktober 2019, um circa 10:10 mit einer Dampfwolke, die mit lautem Getöse aus dem Reaktorgebäude 1 oder aus der dahinter liegenden Maschinenhalle von Reaktor 2 ausströmte. Jan Haverkamp von Greenpeace hat diesen Vorfall selbst beobachtet und sagt dazu: "Das Infozentrum des Kraftwerks informierte, dass es sich um das Ablassen von Überdruck handle. Für mich war es eine starke Erinnerung an die vielen ungeklärten Probleme des Kraftwerks, wie die gefährliche Schweißnaht am Reaktor des ersten Blocks.“

Die Schweißnaht mit der Nummer 1-4-5 dokumentiert einen unglaublichen Pfusch am Bau. 1994 wurde ein 80 cm dickes Rohr um 180 Grad verkehrt herum direkt ans Reaktorfass von Block 1 angeschweißt. Als man den Fehler bemerkte, schnitt man diese Schweißnaht heimlich und brutal ab, drehte das Rohr und schweißte es genauso heimlich wieder an. Experten sagen, es ist keine Frage ob, sondern wann der Reaktor explodiert. Materialexperten fordern Akteneinsicht. Die im Jahre 2000 zuständige Inspektorin der tschechischen Atomaufsicht, Jana Kroupova, sagt bis heute „diese Schweißnaht hält nicht unter Stress.“ Sie bekam einen Maulkorb.  Die Akte 15/2001/SUJB ist unter Verschluss.

Die Teilnehmer der Temelín Konferenz beschlossen mit einer Beschwerde vor dem bei der UN in Genf angesiedelten Aarhus Komitee die Herausgabe der zur Schweißnaht 1-4-5 gehörenden Akte 15/2001/ SUJB von Tschechien zu verlangen. Die Aarhus Konvention ist die Umweltkonvention und regelt u.a. den Zugang zu Information.

Die Organisatorin der Konferenz, die Wunsiedler Grünen Kreisrätin Brigitte Artmann, ist froh, dass "nun endlich wieder Bewegung in die Sache kommt." Mehrere Ansätze an diese Akte zu kommen wurden vom Temelín-Betreiber CEZ, von der tschechischen Regierung und dem deutschen Bundesumweltministerium blockiert.

Veranstaltet wurde die Konferenz von den Grünen Fichtelgebirge, der BI STOPPT TEMELÍN, der Aarhus Konvention Initiative und der BI WAA NAA.

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete der Grünen und heutige Passauer Kreisrätin Halo Saibold kennt das Problem Temelín schon sehr lange. Sie sagt „Seit der Planungsphase befasse ich mich mit diesem AKW.  Es ist ein einmaliges Experiment: Eine Kombination von russischer und amerikanischer Technik gibt es sonst nirgends! Westinghouse hat nach der Wende das AKW fertiggebaut - ohne Baupläne o.ä. der Russen! Die Schweißnaht-Affäre muss endlich geklärt werden! Nach dem letzten Besuch ist noch einmal deutlich geworden, wie wenig verantwortungsvoll die CEZ mit diesem Risiko-Reaktor umgeht. Die neuesten Katastrophenpläne der CEZ beziehen sich nur auf 13 km(!!) im Umkreis - "denn es geht ja in die Luft und der Wind verteilt die Radioaktivität...." Originalaussage von CEZ! Was das für uns in Passau bedeuten kann, zeigte Tschernobyl! Die Förderung von regenerativen Energien muss Vorrang in den Beziehungen zu Tschechien haben!"

Der 17 jährige Karl Beneš von der deutschen Grünen Jugend ist gebürtiger Tscheche und Mitglied der Fridays For Future Bewegung. Er sagt "Dieses Atomkraftwerk hat mir deutlich gemacht, dass man vor dieser Energieform Respekt haben muss, weil sie nicht beherrschbar ist. Die Kernenergie darf nicht gegen den Klimawandel ausgespielt werden, denn sie ist nicht klimaneutral.“ Betroffen gemacht hat ihn das Kreuz mit der Aufschrift „Gedenke Tschernobyl“ auf dem Friedhof direkt hinter den beiden Temelín-Reaktoren.

Hilde Lindner-Hausner von der BI WAA NAA aus dem Landkreis Neustadt an der Waldnaab in der Oberpfalz mahnt eindringlich: "Wir dürfen nicht warten bis die Katastrophe eintritt. Die Schweißnaht-Akte muss herausgegeben werden. Weitermachen mit Atomkraft ist keine Option wegen des Risikos und keine Lösung für das Klima. Sie ist zu gefährlich und deshalb inakzeptabel, außerdem zu schmutzig, zu teuer, zu aufwändig und zu langsam um die zunehmende Erderhitzung zu stoppen. Somit Zeit- und Geldverschwendung. Erneuerbare Energien sind billiger und schneller einsetzbar und vor allem risikoarm."

Udo Benker-Wienands von der ökologischen Bildungsstätte im oberfränkischen Hohenberg sieht zusätzlich ein Problem in der Endlagerung. „Neben den aktuellen Problemen im AKW selbst, die große Sorgen machen müssen, darf man die langfristigen Gefahren nicht vergessen. Derzeit werden in einer einfachen Fabrikhalle schon etwa 50 Behälter mit abgebrannten Brennstäben gelagert. Dies ist eine ungeheuerliche Gefährdung der gesamten Region. Ein Unfall oder ein Terroranschlag hätte mit Sicherheit schlimmste Auswirkungen auf die bayerischen Grenzregionen. Ungelöst ist auch in der Tschechischen Republik die Frage der Endlagerung hochradioaktiver Abfälle. Das aktuelle Konzept ist eine ganz schlechte Satire.“


Der in Tschechien lebende Österreicher Bernhard Riepl vom Verein Sonne und Freiheit stellte fest: „Ich finde es toll, dass 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges sich unsere grenzüberschreitenden Kontakte im Jahresabstand entwickeln und wirklich zu einem gegenseitigen Lernen werden. Eine funktionierende Demokratie, insbesondere über Landesgrenzen hinweg, braucht das auch ganz dringend, wenn Europa funktionieren soll. Wir nehmen diese Herausforderung an und verlangen einfach Transparenz. Das haben die Dissidenten vor der Wende erfolgreich gemacht, und das ist auch die beste Basis in der Auseinandersetzung mit der Atomlobby, eine in ihrem Kern totalitäre Technologie. Sie kann mittlerweise ja auch Kostenargumente nicht mehr zu ihren Gunsten anführen. Was sie aber wieder verstärkt versucht, ist, die Klimadebatte zu missbrauchen. Da heisst es durchaus wachsam zu sein!  Ich danke Brigitte Artmann und den Grünen aus dem Fichtelgebirge für ihre Hartnäckigkeit und freue mich, zusammen mit ihnen und der kritischen Zivilgesellschaft in Tschechien unseren Austausch 2020 fortzusetzen und auszubauen".

Der in Pilsen lebende František Řezáč hat am Gehäuse der großen Turbinen von Temelín mitgearbeitet. Er erklärte die Verflechtungen von Škoda JS aus Pilsen mit der russischen Staatsfirma Rosatom. Škoda JS expandiert in Pilsen und baut dort neu Castoren, die jetzt im AKW Temelín verwendet werden. Bisher bezog man Castoren für die abgebrannten Brennstäbe aus Deutschland.

 

Kontakt: Brigitte Artmann

Kreisrätin/Kreisvorsitzende BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN KV Wunsiedel   

Tel +49 923162821, Mobil +49 1785542868,

brigitte.artmann(at)gruene-fichtelgebirge.de

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